Kommentar zu GEW: „15 Jahre Bologna-Reform – kein Grund zum Feiern“

In der Tat, normalerweise lese ich Artikel mit solchen Jammertiraden schon lange nicht mehr, weil sie uns überhaupt nicht weiterbringen. Da sich solche Artikel zurzeit wieder häufen und ich heute von einer Redakteurin der DeWeZet ganz freundlich gebeten wurde einen Gastkommentar zu verfassen, mache ich eine Ausnahme und publiziere diesen auch gerne hier, um ein überregionales Feedback zu bekommen.

Initialzündung wenig gelungen

Und wieder einmal ein Expertenartikel, der nur so vor Verallgemeinerungen und Jammertriaden strotzt: „…in Deutschland aber viele Probleme nicht gelöst, sondern verschärft“.

Richtig ist, dass es noch eine Reihe von Herausforderungen gibt, die im Bologna-Prozess verbessert werden können. Richtig ist auch, dass der Start dieses bisher einmaligen Veränderungsprozesses in der Hochschulbildung äußerst ungeschickt angegangen wurde. Bei der Vorbereitung und Planung hatten die Experten wohl vergessen sich mit den Betroffenen an einen Tisch zu setzen, die Hochschulen wurden praktisch nicht einbezogen. Welche erste Reaktion war denn zu erwarten, wenn ein solches Mammutprojekt  per Gesetz einfach oktroyiert wird?  – Bestimmt keine Begeisterung!

Reichlich Chancen – bitte klug nutzen

Und dennoch hat sich richtig viel getan und es gibt noch jede Menge Chancen. Zum Beispiel das Auslandssemester. Vor 20 Jahren war dies eine wertvolle Erfahrung, die das Studium ganz sicher auch verlängerte. Heute ist die Erfahrung ebenso wertvoll und wird idealer Weise auf das Studium angerechnet, so dass engagierte Studierende in der Planstudiendauer erfolgreich sind. Natürlich darf auch in diesem Bereich noch die eine oder andere Hochschule ihre Prozesse weiter verbessern, so dass vor dem Antritt des Auslandssemesters eine kompetente Beratung stattfindet, die eine Integration des Auslandsaufenthaltes in das Studium sichert.

Oder ein weiteres Beispiel: Der Übergang vom Bachelor- zum Masterstudium, der ja angeblich einem Lotteriespiel gleichen soll. Fakt ist, dass die Bologna Reform viel weiterreichende Rahmenbedingungen geschaffen hat, als nur einen möglichst reibungslosen, wo möglich noch verlängerten Studienaufenthalt an einer Hochschule zu ermöglichen. Der Bologna-Prozess ermöglicht es Rahmenbedingungen zu schaffen, die das lebenslange Lernen fördern und das sollte inzwischen auch den angeblichen Experten klar sein, Lernen findet nicht nur in der Schule oder Hochschule statt.

Zielewandel – vom Forscher zum Berufseinsteiger

Der möglichst frühe Einstieg in das Berufsleben über den ersten berufsqualifizierenden Bachelorabschluss hat durchaus genau diesen Sinn, denn es geht um das Lernen, die Weiterentwicklung und die Persönlichkeitsentwicklung, die in diesem Zusammenhang oft auch angemahnt wird. Wissen allein hilft niemandem, die Handlungskompetenz ist das was uns überall, also z.B. auch in Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung weiterbringt. Das gelernte Wissen in der Praxis anwenden, bedeutet u.a. eine nachhaltige Vertiefung des Wissens und die Entwicklung von Handlungskompetenzen. Damit einher geht ebenso die Persönlichkeitsentwicklung, die es dann zum individuell passenden Zeitpunkt ermöglichen sollte, das geeignete Masterstudium im für die Lebenssituation passenden Format zu finden. Die meisten Menschen lernen beim Anwenden von Wissen wo ihre eigenen Stärken liegen und was ihnen besonders viel Freude macht.

Also es kommt eben gerade nicht darauf an, möglichst ununterbrochen und möglichst lange an der Uni zu bleiben, sondern genau diese Möglichkeit der Selbsterfahrung und -entwicklung durch Anwenden in der Praxis zu erfahren. Und Erfahrung darf gerne etwas Zeit kosten und die meisten Hochschulen, die sich auf diese Zielgruppe eingestellt haben nehmen gerne noch Studierende, auch berufsbegleitend auf.

Offene Hochschule – die Chance für lebenslanges Lernen

Ein weiteres zukunftsweisendes Thema der Bologna Reform: die offene Hochschule. Hier geht es wortwörtlich um die Öffnung der Hochschulen für neue Zielgruppen mit einem kompetenzorientierten Ansatz in der Bildung. Der Zugang zum Studium ist bereits mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung und drei Jahren Berufserfahrung möglich. Wissen spielt immer weniger eine Rolle, denn mit entsprechenden Recherchestrategien ist es immer und überall verfügbar.

Entscheidend ist die Handlungskompetenz, also die Fähigkeit von Menschen durch Anwenden ihrer Erfahrungen und ihres Wissen etwas zu bewegen, zu bewirken, zu verändern usw. Und genau diese Handlungskompetenzen sind äußerst wertvoll und können auf ein Studium angerechnet werden. Das ist nicht nur zeitsparend, sondern auch motivierend für die persönliche Weiterentwicklung. Berufliche Bildung und Hochschulbildung wachsen immer mehr zusammen. Lebenslanges Lernen ist heute aktueller denn je und das Angebot immer individueller und vielfältiger.

Hand aufs Herz: Was sagt Ihnen Ihre Erfahrung, hat uns Jammern schon mal weitergebracht? Die Hochschulen sollten sich nicht an Expertenmeinungen orientieren, sondern insbesondere das Feedback ihrer Studierenden nutzen, um die Reform weiter voran zu treiben, denn noch nie haben so viele Menschen in Deutschland studiert und noch nie waren die Zielgruppen so vielfältig.

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